Europas KI-Souveränität durch Supercomputer

In der Welt der nationalen Wirtschaftsförderung markiert Europa eine Zäsur. Mit der vollen Operationalisierung der europäischen „AI Factories“ (KI-Fabriken) wird die EU ein Infrastrukturprojekt realisieren, das weit über blosse Subventionen hinausgeht. Es handelt sich um den Aufbau eines physischen und digitalen Rückgrats für die europäische KI-Souveränität.

Die AI Factories als Katalysator für KMU und Startups

Lange Zeit galt Europa im globalen Wettlauf um die Künstliche Intelligenz als regulierungsorientierter Nachzügler. Doch mit einem Massnahmenpaket vom Januar 2024 und der daraus folgenden resultierenden Skalierung der AI Factories hat die Europäische Kommission ein industriepolitisches Schwergewicht geschaffen. Dieses Netzwerk transformiert die Art und Weise, wie europäische Startups und KMU (kleine und mittlere Unternehmen) KI-Modelle entwickeln, testen und skalieren.

1. Das Fundament: Von Supercomputern zu Innovationsökosystemen

Das Herzstück der Initiative ist die EuroHPC-Infrastruktur. Statt lediglich Rechenzeit auf US-amerikanischen Cloud-Plattformen zu mieten, bietet die EU über die EuroHPC JU (Joint Undertaking) Zugang zu heimischen, KI-optimierten Supercomputern.

Das Ziel ist klar: Vertrauenswürdige KI „Made in Europe“. Die Fabriken bieten nicht nur reine Hardware, sondern ein integriertes Ökosystem aus:

  • Massiver Rechenleistung: Optimiert für das Training grosser Sprachmodelle (LLMs) und komplexer Algorithmen.
  • Hochwertigen Datenräumen: Zugang zu strukturierten, DSGVO-konformen Datensätzen.
  • Fachspezifischem Support: Unterstützung durch Experten für die Optimierung von Modellen.

2. Die Expansion: Ein Netzwerk über den gesamten Kontinent

Die Entwicklung verlief in beeindruckenden Wellen und zeigt eine beispiellose Geschwindigkeit in der europäischen Förderlandschaft:

Zeitplan Meilenstein Beteiligte Länder (Auszug)
Dez. 2024 Erste 7 Konsortien ausgewählt Finnland, Deutschland, Italien, Spanien u.a.
März 2025 6 weitere Fabriken Österreich, Polen, Frankreich, Bulgarien u.a.
Okt. 2025 Dritte Welle & Antennen Tschechien, Niederlande, Litauen sowie Partnerländer (Schweiz, UK etc.)

Besonders innovativ ist das Konzept der KI-Fabrik-Antennen. Diese 13 Antennen fungieren als „virtuelle Anlaufstellen“ in Ländern wie Belgien, Zypern oder der Slowakei. Sie demokratisieren den Zugang, indem sie auch Regionen ohne eigenen Supercomputer direkt mit dem Hochleistungsnetzwerk verbinden.

3. Wirtschaftliche Analyse: Warum 10 Milliarden Euro gut investiert sind

Die Gesamtinvestitionen von über 10 Milliarden Euro (Zeitraum 2021–2027) adressieren eine zentrale Marktschwäche: die hohen Eintrittsbarrieren für KI-Innovationen.

  • Senkung der Grenzkosten: Für ein Startup ist das Training eines Basismodells finanziell oft nicht stemmbar. Die AI Factories bieten einen „Fast Lane“-Zugang, der diese Hürde massiv senkt.
  • Souveränität & Resilienz: Durch die Nutzung eigener Infrastruktur verringert Europa die Abhängigkeit von aussereuropäischen Hyperscalern. Dies ist ein entscheidender Standortfaktor für Branchen wie Medizintechnik oder Automotive, bei denen Datensouveränität geschäftskritisch ist.
  • Vernetzung: Die Anbindung an Test- und Experimentiereinrichtungen (TEFs) sorgt dafür, dass Innovationen schneller aus dem Labor in die reale Anwendung kommen.

Drei Säulen der Schweizer Beteiligung

Die Schweiz nimmt trotz ihres Status als Nicht-EU-Mitglied eine zentrale und aktive Rolle im Netzwerk der AI Factories ein. Dies ist das Ergebnis einer erfolgreichen diplomatischen und wissenschaftlichen Annäherung, die Ende 2025 in der offiziellen Rückkehr der Schweiz in das EuroHPC Joint Undertaking (EuroHPC JU) gipfelte.

Hier sind die drei Säulen der Schweizer Beteiligung:

1. Offizielle Mitgliedschaft im EuroHPC JU

Seit dem 11. November 2025 ist die Schweiz wieder offizielles Mitglied des EuroHPC JU. Durch das am 10. November 2025 unterzeichnete EU-Programmabkommen (EUPA) ist die Schweiz rückwirkend ab dem 1. Januar 2025 vollständig assoziiert an:

  • Horizon Europe (Forschungsprogramm)
  • Digital Europe Programme (DEP) (Digitalisierungsprogramm)

Dies bedeutet für Schweizer Akteure: Sie sind vollumfänglich antragsberechtigt und können Projekte in diesen Programmen koordinieren. Die Finanzierung erfolgt direkt durch die EU-Kommission aus dem Schweizer Pflichtbeitrag.

2. Die Schweizer „AI Factory Antenna“: HEARTS

Im Oktober 2025 wurde die Schweiz als einer der Standorte für eine AI Factory Antenna ausgewählt.

  • Name: HElvetic AI Resources, Technologies and Services (HEARTS).
  • Funktion: Die Antenne dient als Brücke zwischen der Schweizer Forschungslandschaft und den europäischen Hochleistungsrechnern. Sie wird eng mit der LUMI AI Factory (Finnland) kooperieren.
  • Technik: HEARTS nutzt die bestehende Schweizer Forschungsinfrastruktur (wie die „Alps“-Infrastruktur am CSCS in Lugano), um KI-optimierte Rechen- und Datendienste für Startups, KMU und die Wissenschaft zugänglich zu machen.

3. Beteiligungsmodelle für Schweizer Unternehmen

Schweizer Startups und KMU können die AI Factories über drei spezifische Zugangsmodi nutzen, die für assoziierte Länder wie die Schweiz kostenfrei (für Innovationszwecke) sind:

  • Playground Access: Schneller Zugriff für Einsteiger zum Testen von Ideen.
  • Fast Lane Access: Für erfahrene Nutzer mit moderatem Rechenbedarf (bis zu 50.000 GPU-Stunden).
  • Large Scale Access: Für das Training massiver KI-Modelle.

Strategischer Ausblick für die Schweiz

Obwohl die Schweiz den EU AI Act nicht direkt übernimmt, sorgt die Teilnahme am AI-Factory-Netzwerk für eine technologische Interoperabilität. Schweizer Innovationen bleiben so kompatibel mit den EU-Standards für „vertrauenswürdige KI“. Das Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation (SBFI) fungiert hierbei als nationale Koordinationsstelle.

Fazit: Willkommen in der Ära der industriellen KI

Die AI Factories sind mehr als nur Rechenzentren; sie sind die „Werkstätten“ der vierten industriellen Revolution in Europa. Durch die strategische Verknüpfung von Hardware, Daten und Talenten schafft die EU eine Infrastruktur, die Wettbewerbsfähigkeit nicht nur verspricht, sondern physisch ermöglicht.

Für Startups und KMU bedeutet dies: Die Barrieren fallen. Die Werkzeuge sind da. Jetzt gilt es, sie zu nutzen.

Quelle: European Commission, 30. Oktober 2025
https://digital-strategy.ec.europa.eu/en/policies/ai-factories

Artikel: Innovator’s Guide Switzerland, 2025